Ausbildung 1995 versus Ausbildung 2020

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    • Ausbildung 1995 versus Ausbildung 2020

      Hallo zusammen,

      ich möchte hier mal (wieder) eine Diskussion anstoßen, die sich besonders an die über 45jährigen Mitglieder/Spritzgießer, aber natürlich auch an die jüngeren richtet. Mir geht es darum, rückblickend die Spritzgießer-Ausbildung zu hinterfragen, um Notwendiges/Veränderungen für die Zukunft des Berufes „Spritzgießer“ zu generieren.

      Frage: Wie unterscheidet sich die (praktische)Ausbildung der Spritzgießer/Kunststoffformgeber aus dem Jahre 2020 von der Ausbildung 1995?

      Betrachten wir doch mal einen entwicklungstechnisch gravierenden Zeitraum, man könnte es auch "Handy-Zeitalter" nennen. Die Jüngeren unter uns können sich ein „Leben ohne Handy/Smartphone“ gar nicht mehr vorstellen ...

      Interessant wären mir Beträge von Leuten hier im Forum, die ca. Anfang der 90er Jahre die Ausbildung zum Kunststoffformgeber gemacht haben und bis heute sich mit dem Thema Spritzguss in der Praxis, besonders auch Ausbildung (Ausbilder, Prüfer, Mitglieder im Prüfungsausschuss o. ä.), beschäftigen.

      Beim „Massenprodukt-Herstellungsverfahren“ SPRITZGUSS ist die Frage „wo steht der Beruf *Spritzgießer* im Zeitalter der Digitalisierung?“ ein absolutes MUSS!

      Jeder von uns weiß, wie sich im Umfeld aller Menschen Spritzgussteile im täglichen Gebrauch etabliert haben, ja, sie sind inzwischen „lebensrelevant“!

      Aus dieser Tatsache heraus müssen sich Fragen zu den Menschen/Spritzgießern stellen, die tagtäglich die Aufgabe haben, den Spritzgussteile-Bedarf qualitativ und quantitativ kompetent herzustellen!
      • Wird die Ausbildung des Spritzgießers den Anforderungen und Erwartungen seines Berufes überhaupt gerecht?
      • Haben die in der Branche zuständigen Institutionen die Ausbildungspläne an die steigenden Anforderungen und an die technischen Entwicklungen angepasst?
      • Werden die (praktischen) Prüfungen auf dem Stand der Technik (z. B. Prozessvisualisierung, Wärmebilder, Innendruck) durchgeführt?
      Es geht mir nicht darum, hier ein System o. ä. an den Pranger zu stellen, zumal das nie zielführend wäre! Nein, es geht mir viel mehr darum, den heutigen Ausbildungs-/Qualifizierungs-Status in den Spritzereien festzustellen. Hieraus sollten sich Notwendigkeiten für die zukünftige Ausbildung der Spritzgießer ergeben, um auch die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der Spritzgussbetriebe abzusichern.

      Ich halte besonders dieses Forum für die richtige Plattform, um genau solche für die Branche elementaren Themen zu diskutieren und freue mich auf pragmatische und sachliche Beiträge.

      Gruß

      Hans-Heinrich Behrens
      Kunststoff-Spritzguss: 50 Jahre technischer Fortschritt, jedoch: Die Fehlerbilder sind geblieben!
    • Das ist eine gute Frage….

      Habe Mitte der 90er Jahre meine Ausbildung zum Kunststoffformgeber (ja damals hieß das noch so) gemacht.
      Heute heißt es Verfahrensmechaniker für Kunststoff und Kautschuktechnik. Mag sich besser anhören, aber entspricht ehr dem Formgeber denn von Verfahren wird heutzutage nicht viel anderes vermittelt als vor 25Jahren.

      Was bedeutet, man hat damals die Maschinen über Nocken eingestellt (kam auch des Öfteren vor, dass diese mit dem Hammer in Position gebracht werden mussten), über Ventile, über kleine 5 Zeilige Displays bis hin zu den größeren Displays, an denen (wenn man es vorher gekauft hatte) auch Grafisch (z.B. ND Umschaltung) schon etwas sehen konnte. Letzteres war jedoch nicht vorhanden, da es zusätzliches Geld kostete.

      Heutzutage ist alles Digital mit diversen Möglichkeiten der Einstellung an der SGM bzw. auch inzwischen einer selbstoptimieren SGM in gewissen Bereichen. Die Maschinen werden jedoch im Wesentlichen weiter genutzt, als müssten immer noch Nocken verstellt und Ventile gedreht werden.

      Die Ausbildung entspricht zu 95% noch dem Kunststoffformgeber. Da wurde zwar die Berufsbezeichnung angepasst, aber der Inhalt nicht.

      Als bestes Beispiel kann man da die Abschlussprüfung nehmen. Früher hat diese 4 Stunden gedauert, da wurde das wesentliche geprüft > Werkzeugabgleich/ Maschinenabgleich, Zuhaltekraft, Sicherheitsprüfung, Werkzeugeinbau, SGM Voreinstellung, Füllstudie, Siegelpunktermittlung, Optimierung, Qualität. Kurz um es wurde das Kerngeschäft geprüft. > Man war Kunststoffformgeber.

      Als Verfahrensmechaniker dauert die Prüfung nun 7 Stunden. Bevor man überhaupt loslegen kann spielt man AV und plant diverses auf dem Papier. Was in meinen Augen völlig sinn frei für eine Abschlussprüfung ist. Hier sollte das Augenmerk doch ehr auf den eigentlichen Prozess liegen. Die Prüfung kann gerne 3 Stunden mehr dauern als früher, dann aber bitte auch mit dem heutigen Stand der Technik den Prozess einstellen. Sprich z.B. Visualisierungen nutzen und dergleichen.

      Fakt ist, man hat die Ausbildung novelliert und die Abschlussprüfung um „sinnloses“ Zeugs ergänzt. Der wesentliche Inhalt ist aber seit 25 Jahren gleich geblieben.
    • HK schrieb:

      Fakt ist, man hat die Ausbildung novelliert und die Abschlussprüfung um „sinnloses“ Zeugs ergänzt. Der wesentliche Inhalt ist aber seit 25 Jahren gleich geblieben.

      Wenn beim Kunststoffformgeber nur ergänzt wurde, dann ist der Ausbildungsberuf noch sehr gut davongekommen.

      Bei anderen Berufen wurden essentielle Inhalte gekürzt, um Arbeitsplanung oder Projektmanagement in den Ausbildungsumfang pressen zu können.
      Als Prüfer hat man dann Leute in der Abschlussprüfung sitzen, die zwar alles toll geplant und dokumentiert haben aber gewisse Grundlagen
      der Fertigungstechnik überhaupt nicht verstehen.

      Grundsätzlich sehe ich aus diesem Grund manch eine Neustrukturierung der Ausbildungsberufe als unglücklich an.
      Die anderen machen es also auch nicht unbedingt besser, nur ao am Rande.
    • Guten Tag,

      also die Auffassung von HK kann ich in Teilen bestätigen. Ich selbst habe im zweiten Bildungsweg meine Ausbildung 2013 abgeschlossen und bin im Prüfungsausschuss (NRW) tätig. Es dreht sich nach wie vor um das Kerngeschäft und nach letztem Stand gibt es den Beruf in 5 Fachbereichen.

      Mein eigener Fokus liegt dabei auf Formteile/Spritzguss und genau da sehe ich starken Novellierungsbededarf hinsichtlich der technischen Neuerungen und Errungenschaften.

      Um eine Prüfung zu bestehen ist es nicht zwingend Erforderlich gute Teile/Material/ Werkstücke zu Produzieren zb mittels Anlage/Maschine, sondern die Hintergrund Kenntnisse , Zusammenhänge sowie die Ordnung, Struktur, Arbeitssicherheit und eben auch zu wissen welche Schritte jetzt Fachlich- Bettiebsintern nötig sind um das geforderte Ergebnis (theoretisch/Pragtisch) zu erreichen.


      Insgesamt muss man aber ganz klar sagen das die Prozesse und die Produktion heute ganzheitlich Komplexer geworden sind und die (Berufs)Schulische Ausbildung stellenweise noch bei der Dampfmaschine steht.
    • Ich hab keine Ausbildung in der Richtung, jedoch sehe ich in der heutigen Ausbildung zwei Grundprobleme.

      1. Digitalisierung

      Häufig wird im Kern mit den gleichen Strukturen gearbeitet, wie es vor 25 Jahren schon üblich war, nur werden heute öfter Rechner dafür genutzt. Das Ablegen von Einstellparametern auf einem zentralen Server unterscheidet sich im Kern nicht vom Ausdruck, der in einem Ordner geheftet wird. Auf die Möglichkeiten der Digitalisierung wird gar nicht eingegangen. Es ist z.B. möglich am Werkzeug einen RFID-Chip anzubringen, der mit der Maschine kommuniziert, was es für ein Werkzeug ist und schon mal den Parametersatz vom Server holt. QR-Code funktioniert auch.
      Hierbei macht es Sinn einen Master-Parametersatz zu definieren. Dafür ist es jedoch notwendig, dass jedes Werkzeug und jede Maschine mit dieser Technologie ausgestattet werden. Diesen Invest scheuen viele Firmen, da man noch einen gemischten Maschinenpark hat und einige Maschinen mit dieser Technik nicht ausgerüstet werden können. Die Zweigleisigkeit will man ungerne haben, aber sie ist nur ein Übergang. Ist die gesamte Produktion damit ausgestattet und auch die AV, wird viel Zeit eingespart. So kann pro Werkzeug hinterlegt werden, was noch an Zubehör für das Werkzeug parat stehen muss und wo es steht. Ein chaotisches Lagersystem, wie man es in vielen Hochregallager kennt, hilft auch. Die Position aller Teile sind im Rechner hinterlegt und auf jede Werkzeugneuanschaffung bzw. Ausmusterung kann sauber reagiert werden.
      Weiter geht es mit der Sensorik. Das betrifft nicht nur die Drucksensoren, sondern auch die weiteren Sensoren, wie für die Wassertemperatur. Sind alle Werkzeuge und Maschinen damit ausgerüstet und untereinander vernetzt, kann zentral eine permanente Qualitätsüberwachung stattfinden. Anhand von Mustererkennung(oder neudeutsch KI), kann schnell ermittelt werden wo sich in der Produktion Qualitätsprobleme anbahnen und ob die punktuell sind oder nicht. Das spart am Ende den Verfahrensmechaniker bei der Suche nach der Ursache viel Zeit. Ist das Problem punktuell vorhanden, ist die Ursache an der Maschine auffindbar und lösbar. Betrifft es mehrere Maschinen zeitgleich, liegt das Problem woanders. Fällt z.B. eine Pumpe bei der zentralen Wasserversorgung aus, werden alle Maschinen melden, dass der Volumenstrom nicht stimmt bzw. die Wassertemperatur zu stark abweicht. Bei manchen Werkzeugen wirkt sich dies nicht kritisch aus, kann sich jedoch auf ein einzelnes Werkzeug kritisch auswirken. Dann sucht der Verfahrensmechaniker nach dem Fehler und kann ihn nicht finden, da die Ursache nicht an der Maschine auftrat.
      Weiterhin kann mit der Digitalisierung die Produktionsfläche effizienter genutzt werden. Es ist möglich mit einem abgestimmten Fördersystem die Verpackung der verschiedenen Kunststoffteile zentral durchzuführen und reduziert die notwendigen Stellplätze für Paletten innerhalb der Produktion. Je nach Hallenaufbau können so weitere Spritzgussmaschinen installiert werden ohne Beeinträchtigungen beim Rüsten. Eine reduzierte Unfallhäufigkeit kommt noch hinzu, da der Warentransport innerhalb der Produktion deutlich sinkt.

      Wieso wird die Digitalisierung nicht in der Ausbildung vermittelt? Häufig fehlt es den Ausbildern bzw. den Berufsschullehrern selbst an dem Fachwissen. Wenn kein Wissen über Sensorik vorhanden ist, kann man auch nicht praxisnah vermitteln, wie sich diese nutzen lassen. Für die Digitalisierung ist es auch wichtig die Mathematik und Physik dahinter verständlich zu erläutern. So lange der Kern nicht verstanden wird, kann auch nicht die Analogie zu bekannten Beispielen geschlossen werden.

      2. Fördern und Fordern

      In meinem privaten Umfeld merke ich immer häufiger, dass viele Jugendlich die neuste Technologie einwandfrei bedienen können, jedoch nicht daran interessiert sind, wie diese funktioniert. Deutlich wird mir dies, wenn es darum geht ein technisches Problem zu lösen. Häufig wird dann z.B. das Smartphone durch ein neues getauscht anstatt sich mit dem Problem zu beschäftigen. Ähnliches Beispiel ist der Zusammenbau eines Rechners. Es ist einfacher geworden also vor 25 Jahren, überfordert jedoch viele, da selten nur noch Interesse am Zusammenhang in der Funktionsweise der einzelnen Komponenten besteht. Es setzt sich weiter fort mit anderen Bereichen und lässt sich mit beliebigen Beispielen fortsetzen.
      Ich sehe die Ursache nicht bei den Jugendlichen selber, sondern in einer Gesellschaft, in der eine technische Ausbildung häufig als minderwertig angesehen wird. Heute muss jeder Abitur machen und danach studieren. Was man studiert, ist am Ende egal.

      Lebt das nähere Umfeld vor, dass man sich die Hände auch gerne mal schmutzig machen kann, sind die Jugendlichen auch öfter dazu bereit es selbst auszuprobieren. Scheitern gehört dazu und sollte auch nicht verhindert werden. Letztendlich macht dies die Erfahrung aus. Die Freude daran etwas selbst gemacht zu haben bzw. ein Problem zu lösen, ist Motivation sich tiefer mit der Materie auseinanderzusetzen und mündet sehr häufig in einer technischen Ausbildung.
      Und da muss auch die Schule ansetzen. Anstatt immer weiter die Möglichkeiten anzubieten sich um die Naturwissenschaften zu drücken bzw. diese zu Gunsten von anderen Fächern zu vernachlässigen, sollte man die Naturwissenschaften nahe bringen und welchen Vorteil das Verständnis darüber hat. Ein verpflichtendes Fach, in dem die Naturwissenschaften kompetent näher gebracht werden, fördert das Interesse. Ideal wäre es schon in der Grundschule damit anzufangen und Vorgänge in der Natur zu erläutern. Wieso fließt z.B. ein Fluss oder wie funktioniert eine Waage. In Lüdenscheid gibt es z.B. die Phänomenta, die genau solche Dinge Jung und Alt spielerisch vermittelt.

      Ich sehe das Problem somit nicht nur in der Ausbildung selbst, sondern auch im Umfeld. Es muss einfach ein Umdenken stattfinden, dass eine technische Ausbildung das gleiche Ansehen genießt, wie ein Studium. Und spätestens dann, wenn das Klo verstopft ist, ist der Klempner der Helfer in der Not und nicht das BWL-Studium.
    • Allein dein Zweiter Punkt ist ein Fass ohne Boden 1u21:

      geht mit dem ersten Absatz schon los: Es ist von der GROSSindustrie doch gar nicht gewünscht, dass du etwas reparierst und dann erst Recht nicht selbst. Warum kann ich mein 8 Jahre altes Smartphone noch mit dem 3. Akku betreiben, kann den Akku bei meinem neuen Diensttelefon nicht mehr wechseln (wenn es privat wäre), ohne mir im Netz Werkzeug zu besorgen, dass gegen den Musterschutz (Patentschutz) verstößt?
      Warum muss ich bei einigen PKW-Modellen zum LAMPENWECHSEL den Wischwasserbehälter demontieren?! Von steckerlosen LED-Modulen heutzutage in Haushalt und Verkehr, bei dem ich eine komplette Baugruppe oder Lampe verschrotten muss, statt nur das Modul zu tauschen, ganz abgesehen.
      Geht bei Druckern bzw. Tintenpatronen, die elektronisch die Weiternutzung verhindern, obwohl sie nicht wirklich leer sind, weiter!

      Die Probleme in der schulischen Ausbildung sind ebenfalls mannigfaltig: Lehrer werden weder von Eltern noch von Schülern als Respektspersonen oder Autoritäten angesehen, das Konfliktpotenzial steigt und die Motivation sinkt - der Lehrer hat heutzutage nichts mehr davon, sich zu verausgaben, um den Schülern bessere Zukunftschancen zu eröffnen. Dem dankt es keiner!
      Womit wir auch schon wieder bei der Ausbildung wäre: Die Fachausbildung von Pädagogen bzw. das Studium ist inhaltlich auch kurz nach dem Krieg oder zumindest nach der Wende stehen geblieben - wie will ich einem 12- oder 14-Jährigen motivieren, sich Grundlagen der Physik anzueignen, wenn er die Anwendung, die im Lehrbuch steht, nur noch aus dem Museum kennt?

      Und über das Thema: Wertschätzen der Industrie- und Handwerkersausbildung, braucht man wohl nicht mehr sagen, als dass ein namhafter, Bayerischer Autobauer mit einem Werk in Leipzig vor ca. 15 Jahren prinzipiell Bewerbungen (frisch von der Schule) ohne Abitur quasi ungeprüft abgewiesen hat, egal ob für Ausbildung oder Bandarbeit...

      Übrigens gab es bis zu dem großen Arbeitskräfteengpass ein generelles Problem von der Akzeptanz von jungen Berufsanfängern... selbst bei technischen Studienberufen, die angeblich so händeringend gesucht werden, sind weit über 10% für die Ersteinstellung in der Leiharbeit gelandet, da viele Unternehmen pauschal einschlägige Berufserfahrung voraussetzten...
      frei nach dem Motto: Mitte 20, keine Familie, Diplom und 5 Jahre Berufserfahrung

      Da wiederum haben Facharbeiter einen Vorteil am Arbeitsmarkt, da sie in mindestens 2/3 Fällen einen "Fuß in der Tür" bei ihrem Ausbildungsbetrieb haben und außerdem als "hat schon mal gearbeitet" anerkannt werden.

      Und die Medien mischen kräftig mit: jeder der nicht zu den Siegern gehört, ist automatisch ein Verlierer...
    • Ausbildung 1984-87. Kurz nachdem es die Ausbildung überhaupt gab. Kaum wesentliches Wissen um den Prozess wurde vermittelt. Von wem auch? Es gab nahezu nur ungelernte Kollegen. Gärtner, Metzger, Schreiner, Schlosser, …

      Gelernt wie Spritzgiessen funktioniert habe ich NACH meinem Studium im ersten Job. Inzwischen in der Rohstoffbranche und nach insgesamt guten 35Jahren habe ich es einigermaßen kapiert.

      Was hat die Branche eigentlich gelernt in der letzten 3 Jahrzehnten? Es werden immer noch die gleichen Fehler gemacht wie früher...
      • Schmelze-Aufbereitung – grausig was man da sieht
      • Anguss/Anschnitt - mindestens 50% sind falsch dimensioniert
      • Entlüftung im Werkzeug – au weia
      • Temperierung – ein einziges Chaos
      • Bauteilgestaltung – zum weglaufen
      • Systematische Fehleranalyse – wie geht das?
      • Prozess-Optimierung - einfach schneller dosieren reicht nicht
      80% aller Verarbeiter machen handwerkliche Fehler, die Geld kosten, Ausschuss erzeugen und Zyklus verbraten. Wenn die ausgemerzt wären, würden einige Spritzereien auch richtig Geld verdienen!

      15% machen einen guten Job

      5% sind TOP. Von denen kann man lernen

      • Es fehlt an wesentlichen Grundlagen, also den Basics rund um Kunststoffe, Werkzeuge, Prozess und „was geht ab IN der Kavität“
      • Es fehlt den nachrückenden jungen Menschen häufig an Tugenden, die man im Leben leider braucht: Disziplin, Durchhaltevermögen, Problemlösungs-Kompetenz, Leidenschaft
      • Es gibt zum Glück Ausnahmen. Ich freue mich über jede und jeden, die/der erkennbar Leidenschaft zeigt. Erst mal egal für was. Wenn’s Kunststoff ist „schrei ich vor Glück“


      Was ist zu tun:
      • Breitgefächerte Ausbildung rund um Kunststoffe, deren Eigenschaften, Verarbeitung, Werkzeugtechnik
      • Das richtige Maß an Theorie, um die Herausforderungen in der Praxis zu bewältigen
      • Mentoring durch erfahrene Praktiker, die neben dem Fachlichen auch die Leidenschaft vermitteln
      • Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Entwicklung, Werkzeugkonstruktion, Werkzeugbau, QM, Fertigung, …
      • Das Wissen ist vorhanden in den Firmen. Leider wird nicht miteinander gesprochen => Führungsaufgabe!

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von LutherStickl ()

    • Danke schon mal für die Beiträge!

      Was @LutherStickl schreibt, sind auch so meine Erfahrungen, die ich bisher mir den Spritzgießern mache. Aus dieem Grund möchte ich auch das Thema hier im Forum mal in der Breite berichtet haben. Aiie Infos sind ja auf diese Weise Nachweis dafür, dass es grundsätzliche Systemfehler/-fehlentwicklungen beim SPRITZGUSS in der Ausbildung gibt!


      @1u21 und @03 1010, ihr habt völlig recht mit eurem Beitrag, jedoch ist mir das zu sehr die "große allgemeine Bildungswelt" ... Ich weiß, dass es hier sehr dazu verführt, auch mal in einem Beitrag über allgemeines/angrenzendes/oder ähnliches "Dampf abzulassen", geht mir oft auch so ;)

      Ich habe nur eine Bitte: Beiträge hier NUR zum Thema AUSBILDUNG SPRITZGIESSER! ...

      "Warum?" Antwort: Das ist unsere Welt, in der WIR VIELLEICHT etwas bewegen/verändern können??! Ich überlege z. B., ob es nicht möglich ist, mit- und aus den hier gesammelten Informationen etwas zusammenzustellen, was dem GKV zu einer Überarbeitungsüberlegung der *Ausbildungpläne für Spritzgießer* zugestellt wird ...


      LutherStickl schrieb:

      Breitgefächerte Ausbildung rund um Kunststoffe, deren Eigenschaften
      Ich höre immer wieder von Azubis, dass die Themen um die Kunststoffe/Molleküle/Verkettungen usw. bis zum "Erbrechen" vermittelt (Berufsschule) wird ...
      Frage: Braucht der Spritzgießer das für den Prozess an der Maschine?

      LutherStickl schrieb:

      Werkzeugkonstruktion, Werkzeugbau
      Ja, das sind zwei wichtige Bereiche, über die der Spritzgißer Kenntnis haben sollte.

      LutherStickl schrieb:

      Ich freue mich über jede und jeden, die/der erkennbar Leidenschaft zeigt.
      Genau dieses zu vermehren, sollte unser Ziel in der Ausbildung sein! Aber das fällt nicht einfach so vom Himmel oder wird vom Azubi so mitgebracht!! ... Dieses muss beim Nachwuchs erzeugt werden und zwar durch eine ZEITGEMÄSSE Ausbildung (aber bitte nicht an einer alten Nockenmaschine!!! Ein Fahrschullehrer spannt in der ersten Stunde auch nicht den Gaul vor die Kutsche ;) ), aus deren Wissen den Nachwachsenden ERFOLSERLEBNISSE im Tagesgeschäft entstehen - ohne Erfolg keine Leidenschaft/Begeisterung!
      Kunststoff-Spritzguss: 50 Jahre technischer Fortschritt, jedoch: Die Fehlerbilder sind geblieben!
    • Einverstanden. Konzentrieren wir uns auf die Ausbildung des Spritzgießer. Das wird kein kleines Fass, aber irgendwo muss man anfangen.

      Während den Vorbereitungen für die Schulungen haben sich für mich einige Punkte ergeben, die allen Facharbeitern bekannt sein müssen. Fangen wir mal bei der Bewertung der Artikelkonstruktion an.

      Die Artikel, die im CAD konstruiert werden, werden sehr häufig stumpf in alle Richtungen gleichermäßig skaliert. Damit konstruiert dann der Werkzeugbau das Werkzeug und im Anschluss folgen die Anpassungen an das Werkzeug, damit die Toleranzen eingehalten werden.
      Ist dann z.B. die Werkzeugtemperatur zu gering, kristallisiert der Kunststoff nicht passend aus und die Maße werden erreicht. Betreibt der Kunde das Werkzeug mit einer etwas höheren Wassertemperatur, passen dann die Maße nicht mehr, da der Kunststoff stärker auskristallisiert und somit stärker schrumpft.
      Hier ist es notwendig, dass in der Ausbildung schon erklärt wird, wo die Unterschiede in der Kristallisation des Kunststoffs liegen und welche Auswirkungen es auf den Prozess und die Geometrie hat. Zusätzlich muss auch der Spritzgießer selbstbewusster werden und die Einhaltung der Konstruktionsregeln für Kunststoffe einfordern. Anspritzung von Dick auf Dünn oder Vermeidung von Masseanhäufungen sind immer zu vermeiden. Manche Fehler können mit geschickter Nutzung von anderen Techniken ausgebügelt werden, aber das ist eher die Ausnahme als Regel.
      Die Produktion kann nicht die Fehler der vorherigen Kettenglieder ausgleichen!

      Die schon angesprochene Bewertung der Werkzeugkonstruktion kommt hinzu. Wird eine bestimmte Funktion im Artikel gefordert, muss sich der Werkzeugbau Gedanken machen, wie er es am geschicktesten umsetzt. Dass die Lösung oft nicht prozessgerecht ist, kann der Werkzeugkonstrukteur nicht wissen, da ihm das Wissen um den Prozess fehlt. Da muss der Spritzgießer ran und ihm erklären, welchen Einfluss die Konstruktion auf den Prozess hat. Für Werkzeugbauer ist es z.B. sinnvoll Einsätze stärker zu segmentieren, da man diese einfach fertigen kann. Da jede Segmentierung zwangsläufig mit einem Luftspalt einhergeht, der den Wärmeübergang bis zur Temperierung drastisch verschlechtert, ist beiden Seiten häufig nicht bewusst. Damit ändert sich der Wärmehaushalt des Werkzeugs und somit auch wieder das Kristallisationsverhalten, was sich wieder im Verzug wiederspiegelt.

      Weiter geht es mit dem Wärmehaushalt eines Werkzeugs und Grundlagen in der Strömungsmechanik. Das oft erwähnte Thema "Brücken" ist solch eins. Da mangelt es auch an sehr viel Wissen, welchen Einfluss Brücken auf den Prozess haben und wieso man die sein lassen sollte. Es gibt die Faustformel, dass die Temperaturdifferenz zwischen Ein- und Auslauf maximal 10°C betragen sollte. Eine laminare Strömung nimmt nur wenig Wärme aus dem Werkzeug auf und erfüllt somit die Regel gut.

      Weiter geht es mit der Massetemperatur. Diese wird häufig so gering wie möglich gewählt, damit die Zykluszeit nicht so hoch ist. Das ist auch eine häufige Fehlannahme, da mit einem sauber konstruierten Werkzeug selbst eine Anhebung der Wasser- und Massetemperatur keinen nennenswerten Einfluss auf die Zykluszeit hat. Wird die Zykluszeit länger, resultiert das aus den Beschränkungen des Werkzeugs. Aufgrund von vermeintlicher Kostenersparnis lässt man die konturnahe Temperierung weg, die eine saubere Prozessführung ermöglicht. Da fehlt dem Spritzgießer auch das Wissen, was heutzutage an Werkzeugtechnologie vorhanden ist.

      Wie kann man das neu gestalten?

      Für eine vernünftige Zukunftsperspektive muss dem Spritzgießer wesentlich mehr Theorie beigebracht werden. Nicht auf dem Niveau wie an einer Uni oder FH. Der Zugang muss ein anderer sein und muss mit Experimenten dargestellt werden. Dabei muss eine gewisse Ähnlichkeit zum Prozess gewahrt werden, damit ein erster Einstieg möglich ist. Ist diese Basis vorhanden, kann der Prozess besser verstanden werden und das Selbstbewusstsein steigt dadurch. Aber nicht nur die Azubis benötigen die Theorie, sondern auch die alten Hasen. Somit muss es zweigleisig erfolgen.

      Für mich müssten folgende Themen behandelt werden:

      - Aufschmelzen von Kunststoffen über Wärme und Scherung
      - Strömungsmechanik(stark abgespeckt und praktisch orientiert)
      - Wärmeübertragung(stark abgespeckt und praktisch orientiert)
      - Abkühlen von Kunststoffen
      - Konstruktionsfehler praktisch dargestellt(da gibt es vom VDWF ein gutes Beispiel)
      - systematische Fehleranalyse

      Ja, dieser Beruf wird mehr Theorie haben, die ist aber auch notwendig. Damit diese vermittelt werden kann, müssen manche alte Ausbildungsteile weichen bzw. muss auch in den Unternehmen neu gedacht werden.
    • Behrens schrieb:

      Ich höre immer wieder von Azubis, dass die Themen um die Kunststoffe/Molleküle/Verkettungen usw. bis zum "Erbrechen" vermittelt (Berufsschule) wird ...
      Frage: Braucht der Spritzgießer das für den Prozess an der Maschine?
      Yep. Ich meine damit die theoretischen Grundlagen, die für die Praxis relevant sind:
      • amorph/teilkristallin
      • Kunststoffe "leben" - Eigenschaften der Kunststoffe über Zeit und Temperatur
      • Viskositäts-Verhalten über Temperatur & Scherung
      • Polymerrezepturen (Polymer, Additive, Stabilisatoren, Entformhilfen, Füllstoffe, Verstärkungsstoffe, Pigmente, ...)
      • Polymere Werkstoffe sind teilweise komplexe Formulierungen - wie reagieren die auf Temperatur, Zeit und Scherung bei Vortrocknung & Verarbeitung)
      • Aufschmelzverhalten
      • Verweilzeit
      Nach meiner Erfahrung kennen die Verarbeiter kaum die wesentlichen Polymer-Eigenschaften, die im Spritzguss relevant sind und immer wieder Probleme erzeugen.
    • O.k., ich ergänze noch um eine Frage:

      Welches Wissen ist für den Spritzgießer wichtig/notwendig, um einen Prozess zu gestalten, bei dem stabil und wiederholgenau in der Kavität Formteile entstehen?


      Schönes Wochenende und bleibt gesund!
      Kunststoff-Spritzguss: 50 Jahre technischer Fortschritt, jedoch: Die Fehlerbilder sind geblieben!
    • Zerlege ich den Spritzgussprozess physikalisch muss folgendes Wissen auf jeden Fall vorhanden sein:

      • Herstellung der Kunststoffe und Eigenschaften
        • Wieso muss richtig getrocknet werden?
        • Herkunft der schwankenden Eigenschaften
        • Unterschiede zwischen Kaltabschlag, Heißabschlag und Mahlgut
        • Entstaubung und Einfluss des Staubs auf den Prozess
      • Aufschmelzen und Dosieren
        • Wie schmilzt der Kunststoff auf(nicht primär durch die Heizbänder)
        • Was passiert an jedem Punkt in der Schnecke
        • Wo liegen die Unterschiede in der Schneckengeometrie?(Warum z.B. manche Schnecken nicht für Farbwechsel ideal und andere schon)
        • Berechnung der Umfangsgeschwindigkeit bzw. Dosierzeit und des Einfluss auf die Schmelze
        • Entlüftung und Staudruck
      • Einspritzen
        • Verhältnis zwischen Einspritzgeschwindigkeit und Scherrate sowie Temperaturerhöhung
        • Unterschied volumetrisches Füllen und Teilfüllung
        • Einfluss der Massetemperatur auf Füllung
        • Einfluss der Werkzeugtemperatur auf Füllung
        • Druckverlauf in der Kavität
        • Messung und Interpretation der Kurve bei Drucksensoren(für zuverlässige Qualität Pflicht)
      • Nachdruck
        • Ermittlung der richtigen Nachdruckhöhe, des passenden Nachdruckprofils und der Zeit
        • pvT-Diagramm erklären
        • Kristallisation von teilkristallinen Kunststoffen
      • Temperierung
        • Passende Strömungslehre(nur ein Bruchteil dieses Feldes ist notwendig)
        • Turbulenz und Einfluss der Temperatur
        • Fließwiderstände
        • Theorie der Abkühlung
        • Überwachung der Temperierung
      Dann gehören noch ein paar Erweiterungen dazu:

      • Allgemeine Konstruktionsregeln für Kunststoffe
      • Grundlagen Werkzeugkonstruktion(Häufig reden Spritzgießer und Werkzeugmacher aneinander vorbei
      • Grundlagen Projektmanagement(Ablauf eines Projektes sollte bekannt sein, damit der Spritzgießer rechtzeitig reagieren kann)
      • Technologien zur aktiven Prozesskontrolle bzw. -überwachung
        • Sensorik allgemein
        • Konturnahe Temperierung
        • Wärmebildkamera
      • Grundlagen Simulationstechnik
        • Kritische Betrachtung der Einstellungen
        • Interpretation der Ergebnisse
        • Werkzeug zur Reduktion der Musterphase


      Das wäre für mich ein sinnvoller Ansatz, der innerhalb eines Jahres sauber vermittelt werden kann. Die Praxis muss jedoch auch die Möglichkeit gewähren diese Themen zu vertiefen. Der Spritzgießer soll auch auch nicht dem Artikel- oder Werkzeugkonstrukteur permanent über die Schulter schauen, sondern auf Augenhöhe kommunizieren und Verbesserungsvorschläge machen können. Er muss einfach die Zusammenhänge zwischen allen Schritten verstehen können, damit aus Fehlern möglichst gut gelernt werden kann und man diese nicht wiederholt.
    • Jetzt wird es spannend.
      - In einem Jahr sollte man lernen können was nötig ist.
      - Gelehrt wird das falsche, die Ausbildung ist veraltet.
      - Teile entstehen in der Kavität (also tut es nichts zur Sache ob die Maschine mit oder ohne Bildschirm arbeit, oder)
      - Man muss verstehen was im Prozess passiert.
      - Weil alles so schlecht ist braucht es eine Revolution in der Ausbildung.

      So habe ich es hier so etwa verstanden.

      Jetzt frage ich mich wer macht denn Ausbildung? Soweit ich weiß haben wir ein duales System. Schule und Betrieb. Wobei die Azubis zu 2/3 im Betrieb sind. Im Betrieb wird das Wissen vermittelt das man zu den jeweiligen Anwendungen hat, das im Betrieb vorhanden ist. In der Schule wird eine breitere Basis an, hauptsächlich theoretischem, Wissen vermittelt. Der Azubi muss dort das mitnehmen können was ihm im Betrieb nicht geboten wird weil der Betrieb nun mal spezieller ist als der Ausbildungsberuf.
      Der Betrieb bildet (hoffentlich) aus weil er neue, qualfizierte Facharbeiter braucht.
      In der Schule wird also Basis gelehrt, mag sein das nicht der letzte Schrei dabei ist. Aus dem krabbelnden Baby einen rennenden Läufer zu machen liegt beim Betrieb.
      Hier muss es Leute geben die können was die Azubis später können sollen.
      Hier muss es Leute geben die in Theorie und Praxis zeigen wie es geht, die zeigen warum es so ist.
      Hier muss es Leute geben die Zeit dafür (bezahlt) bekommen auszubilden.
      Hier muss es Leute geben die bereit sind ihr Wissen zu teilen.
      Hier muss es Leute geben die die Fähigkeit haben zu lehren.

      Dazu braucht es keinen DürfSchein, kein Studium und son Gedöns. Es reicht wenn man Bäcker oder Metzger ist und es kann.
      Jeder der sich hier beschwert wie schlecht Ausbildung ist sollte sie besser machen können. Ein Azubi kann nur aufsammeln was ihm geboten wird. Also nicht weinen das es so schlecht ist, besser machen.
      Die Zauberer hier die alles wissen und können, evtl. sogar davon leben das sie Kurse anbieten nach deren Genuss man alles kann könnten sowas ja auch in der Berufschule machen. Für Schüler und für Lehrer.
      Ich kann es jedenfalls nicht mehr hören wie hier gejammert wird.
    • @wichtelchen, dein Beitrag gefällt mir, spricht doch aus deinen Zeilen auch ein gewisser "Frust" über das was du hörst/liest und demgegenüber täglich in der Spritzerei(?) erlebst, u. a. vielleicht aber auch, weil du das eine oder andere anders verstehst, als es gemeint ist(?).
      Es muss aber mal erlaubt sein, über das tagtägliche "Schaffen und Bemühen" an den Spritzgussmaschinen nachzudenken und es zu hinterfragen bzw. in Frage zu stellen! Gründe dafür gibt es genug:
      - Jeden Monat gehen in Deutschland bis zu 5 Kunststoffverarbeiter in die Insolvenz,
      - Die Spritzgussunternehmen haben ohne Ende mit Ausschussquoten und Kostentreibern hinsichtlich geforderter Qualitätserreichung zu kämpfen,
      - usw., usw.
      Dieses solltest du kennen, wenn nicht, Glückwunsch: Du lebst im "Spritzgussparadies"!

      wichtelchen schrieb:

      - In einem Jahr sollte man lernen können was nötig ist.
      Da gibt's eine persönliche geäußerte Meinung, die nicht unbedingt zutreffen muss ....

      wichtelchen schrieb:

      - Gelehrt wird das falsche, die Ausbildung ist veraltet.
      Ja, diesen Eindruck muss man haben (er wird mir auch oft von jungen Spritzgießern bestätigt) wenn man sich die Kenntnisse und "Prozessbeherrschung" der Leute an den Maschinen in den Spritzereien anschaut. Und gerade deshalb muss doch endlich was an der *Quelle der Kenntnisse und Qualifikationen* der Spritzgießer, nämlich der Ausbildung etwas geschehen, oder nicht?!

      wichtelchen schrieb:

      - Teile entstehen in der Kavität (also tut es nichts zur Sache ob die Maschine mit oder ohne Bildschirm arbeit, oder)
      Hier gibt es bei dir ein Missverständnis: Ja, die Formteile entstehen unbestritten in der Kavität und man braucht auch dafür gute Maschinen mit sinnvoller Ausstattung!
      Falsch ist das "Glorifizieren" der Maschinen/Technik und der Glaube daran, dass allein über die Technik der Maschinen effizient qualitativ hochwertige Formteile entstehen!
      NEIN, dieses wird einzig und allein von dem Menschen an der Maschine abhängen!!
      Und dieser Mensch wird nur den Anforderungen mit einer guten AUSBILDUNG AUF DEM STAND DER TECHNISCHEN MÖGLICHKEITEN gerecht!

      Hochtechnologie wird für den Nutzen der Menschen entwickelt und nicht um ihrer sebst Willen!

      Hier darf die Frage erlaubt sein: "Welchen Nutzen für den Menschen bringen die hochtechnisch und digitalisiert ausgestatteten Spritzgussmaschinen, zumal sich der Prozesablauf beim Spritzguss in den vergangenen 50 Jahren kaum verändert hat?"

      wichtelchen schrieb:

      - Weil alles so schlecht ist braucht es eine Revolution in der Ausbildung.
      Dieses Herauszufinden ist der Sinn dieser Diskussion ... wobei hier das Wort "Revolution" wohl ein bissl hochgegriffen ist ;) ;)

      wichtelchen schrieb:

      Hier muss es Leute geben die können was die Azubis später können sollen.
      Damit hast du schon mal das größte Hindernis/Problem einer möglichen Veränderung angesprochen!

      wichtelchen schrieb:

      Hier muss es Leute geben die Zeit dafür (bezahlt) bekommen auszubilden.
      Dieses müssen sich alle "Spritzgussunternehmer und -Entscheider" immer vor Augen halten, wenn sie qulifiziertes Personal fordern!!!

      wichtelchen schrieb:

      Hier muss es Leute geben die bereit sind ihr Wissen zu teilen.
      Wer im Spritzguss lange genug unterwegs ist, der weiß, dass du damit den *Schlüssel für Aussicht auf Verbesserung in der ganzen Spritzgusswelt* angesprochen hast!!

      wichtelchen schrieb:

      Die Zauberer hier die alles wissen und können, evtl. sogar davon leben das sie Kurse anbieten nach deren Genuss man alles kann könnten sowas ja auch in der Berufschule machen.
      @wichtelchen, ich habe für deine letzten Sätze im Beitrag volles Verständnis, spricht daraus doch auch eine Portion Frust. Dein Fingerzeig ist angekommen und für meinen Teil kann ich dir nur versichern, dass ich nicht das "Zaubern" in meinen Seminaren vermittel, sondern das Wissen aus jahrelanger GELEBTER Umsetzung in der Praxis. Falls du meine Biografie nicht kennst: Hauptschüler, 10 Jahre Formenbauer, Industriemeister, 30 Jahre Fertigungs-/Spritzereileiter ........

      Vielleicht liegt ja sogar der Schlüssel des ganzen Problems in der immer stärker werdenden AKADEMISIERUNG der Referenten und Lehrenden ... ?!

      Findet ein Referent ohne Ing., Dr. oder Pof. überhaupt in unserem System noch Gehör?

      Gruß HHB
      Kunststoff-Spritzguss: 50 Jahre technischer Fortschritt, jedoch: Die Fehlerbilder sind geblieben!
    • Fakt ist doch auch das: Die falschen Leute bzw. nicht die richtigen Leute die so tief in der Praxis sitzen wie sonst keiner) an Reformen und Novellierungen für das Berufsbild des Spritzgießens sitzen. Dazu ist es kaum gelebt und bezahlbar einen Azubi über 3 Jahre zu einem (fast) Fachmann zu bilden - den das muss langfristig erfolgen und damit ist es noch unattraktiver aus Betriebswirtschaftlicher Sicht. Dazu braucht man auch geeignetes Personal auf beiden Seiten das wiederum freigestellt werden kann/muss.

      90% der richtigen Profis Arbeiten nicht an der Basis und damit nicht in/an der Ausbildung. Und von den 10% musst du die finden die Bereit sind aus falschem
      Stolz und fehlender Moral das Gefühl zu haben an ihrem Stuhl sägen zu wollen....

      Es ist schwierig auf allen ebenen und das wird es sicherlich auch bleiben !
      Der Verfahrensmechaniker ist aber ohne Frage noch gut bei den ganzen Neuerungen der Berufsbilder gut davon gekommen.

      Und „ früher war alles besser“ oder heute wollen die nicht mehr“ das ist das Geschwätz was die von heute in 20 Jahren von sich geben während die von Gestern nur noch den Tag 1 der Rente im Fokus haben....

      Fisch stinkt vom Kopf und unten kommt das letzte Übel noch dazu !

      in diesem Sinne....
    • Thermoplaster 58 schrieb:

      90% der richtigen Profis Arbeiten nicht an der Basis und damit nicht in/an der Ausbildung.
      "richtigen Profis" ?( wäre nett von dir, @Thermoplaster 58, wenn du mal diesen Begriff beschreibst .... und: Wo sind deiner Meinung nach die "90% der richtigen Profis" hin, wenn nicht an der Basis? Vielleicht stehe ich aber auch gerade "auf dem Schlauch" ... ?( ;)

      Thermoplaster 58 schrieb:

      Und von den 10% musst du die finden die Bereit sind aus falschem
      Stolz und fehlender Moral das Gefühl zu haben an ihrem Stuhl sägen zu wollen....
      ?( ?( ?(
      Kunststoff-Spritzguss: 50 Jahre technischer Fortschritt, jedoch: Die Fehlerbilder sind geblieben!
    • Hallo alle zusammen,die Beiträge hier sind alle mit Herz und starkem Interesse geschrieben und das freut mich sehr wenn mir das Urteil erlaubt sei.
      Der Kunststoffingenieur Firma Ingenieurbüro Juri Müller hat Recht mit dem riesengroßen Wunschzettel.
      Aber wer soll das ausbilden in der Schule und in der Firma?
      Aber wer soll das bezahlen(z.B.Extra-Lehrgänge)..vielleicht die Firma?
      Aber wer soll das verstehen wenn z.B ein umgeschulter Untertageschlosser teilweise gar nicht weiß was Herr Müller auf der Liste vorschlägt.....usw und so fort...
      Es ist ja nicht nur ein Problem bei uns in der Kunststoffindustrie.Überall in Deutschland wird geklagt schon seit Jahren.
      Wir hatten einen Azubi letztes Jahr(Maschinen und Anlagenführer) da hatte ich den Eindruck das die Berufsschule schon mal wenigstens ein bisschen moderne Struktur in die Ausbildung gebracht hat......aber"Passende Strömungslehre" oder"pvT-Diagramm erklären" hatten die in der Schule glaub ich nicht.
      Hätte dem Azubi auch nicht helfen können weiß es ja selbst nicht.

      Danke nochmals,mfg,Spritzhacky,Saarland.

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    • Vielen Dank für diese Sichtweise!

      Ja, das Problem ist über die Jahre gewachsen und wird nicht kleiner mit der Zeit. Ich bereite aktuell verschiedene Schulungen vor, die einen kleinen Teil der Theorie praxisnah erklärt, damit möglichst jeder diese verstehen kann. Irgendwann muss mal jemand damit anfangen.

      Ja, dies wird Geld kosten. Es geht dabei nicht nur um die meine Kosten, sondern auch um die Kosten für neues Lehrmaterial für die Berufsschulen und die Aus- und Weiterbildung der Lehrer sowie der Verfahrensmechaniker in der Produktion. Ich konnte in den letzten Jahren immer wieder mit Berufslehrern über den aktuellen Stand der Technik sprechen. Vielen war häufig nicht bekannt, was der aktuelle Stand der Technik ist. Wie sollen diese Lehrer ihren Schülern dann den neusten Stand der Technik vermitteln? Ebenso konnte ich auch mit Berufsschülern sprechen und ihnen etwas erklären. Viele haben mir direkt gedankt, weil sie erstmal neue Technologien verstanden haben.

      Es sollte auch zum guten Ton gehören, dass die Mitarbeiter regelmäßig Fortbildungen erfahren dürfen. Die heutigen Möglichkeiten bieten so viel, dass häufig der Überblick verloren geht. @Behrens vermittelt den Facharbeiten ein sauberes Basiswissen zum Thema "Nutzung von Drucksensoren" und kann seine Erfahrung weitergeben. Das ist eins der Basisthemen, die behandelt werden müssen. Nicht nur in den Firmen, sondern auch in den Berufsschulen. Mein Ansatz ist es die Theorie soweit zu vermitteln, dass die physikalischen Zusammenhänge besser verstanden werden. Dadurch können auch die verschiedenen Angebote an Technologien besser verstanden werden und es kann kritisch hinterfragt werden, ob die angebotene Technologie für den eigenen Nutzen sinnvoll ist. Es wird deutlich seltener im Nebel herumgestochert und spart am Ende auch wieder Geld ein.
      Nichts ist am Ende teurer als ein Spritzgießer, der nur durch Erfahrung lernt. Diese Erfahrung wird nur durch Fehler gesammelt und diese sind bekanntlich teuer. Günstiger ist es aus der Erfahrung anderer zu lernen, da man Fehler so nicht wiederholt.

      Es wird immer wieder Ausnahmen geben, wo Quereinsteiger mitgenommen werden müssen. Diese müssen jedoch dafür bereit sein. Da ist es praktisch, wenn die Belegschaft ihm vieles von der neuen Materie vermitteln kann. Letztendlich muss der Quereinsteiger eine Grundausbildung durchlaufen, die ähnlich der regulären Ausbildung ist. Die alte Form des Quereinstiegs funktioniert nicht mehr.

      Bei meinem ersten Arbeitgeber saß ich auch öfters mit den Azubis zusammen, die mehr lernen wollten. Der eigentlich Ausbilder saß mit dabei und war genauso Schüler, weil er es auch nicht erklären konnte. Ich weiß, dass solch eine Einstellung keine Ausnahme ist, sondern eher die Regel.

    • Ist das Herstellungsverfahren *Spritzgießen* keinen eigenen Beruf Wert?


      Genau diese Frage stelle ich mir seit langen Jahren ... siehe auch xing.com/communities/posts/ist…nen-beruf-wert-1004885483

      Wie sollen denn z. B. die (armen) Berufsschullehrer Spritzgießer speziell auf ihren Beruf vorbereiten/lehren, wenn in der Klasse ein MIX an Leuten aus mehreren Herstellungsverfahren/Verarbeitungsarten sitzen?

      Auch wenn die Verbände noch so viele "SehrGut-Prüflinge" und deren Ausbildungsbetriebe auszeichnen und in Fachzeichnungen hochjubeln!

      Die Fragen, die sich endlich alle stellen müssen, sind doch:
      - Sind die JungFacharbeiter in der Lage, SpritzgussProzesse auf dem Stand der (inzwischen Jahrzehnte alten) Technik digital zu gestalten?
      - Sind die JungFacharbeiter in der Lage,
      Prozesse mit Kurvengrafik zu deuten, visualisieren, überwachen?
      - Sind die JungFacharbeiter in der Lage, mit Wärmebildern Schwindungsverhalten zu bewerten bzw. die Werkzeugtemperierung zu bewerten?
      - Sind die JungFacharbeiter in der Lage[/size], mit Innendruck den Füllprozess zu gestalten, zu regeln und zu überwachen?

      Ich habe da meine Zweifel und behaupte einfach mal, dass dieses noch nicht einmal ein Prüfling mit SehrGut-Abschluss kann ... Wobei diese vorgenannten Dinge Jahrzehnte verfügbar sind und alle Experten wissen, welche Vorteile/Erleichterungen das Arbeiten damit bringen, von der Kosteneinsparung für die Unternehmen ganz zu schweigen!


      Gibt es hier im Forum Leute, die
      - Ausbilder sind und ausbilden,
      - Prüfungen abnehmen,
      - oder sich ansonsten mit diesen Themen intensiv beschäftigen?

      Wenn ja, bitte ich um eure Meinung und Erfahrung zum heutigen Status bei der "Spritzgießer-Ausbildung" ... vielen Dank schon mal!
      Kunststoff-Spritzguss: 50 Jahre technischer Fortschritt, jedoch: Die Fehlerbilder sind geblieben!
    • @ Behrens:

      zu den 90% ... die sind meines Erachtens als Freiberufler unterwegs, bei den Global Playern als Mitarbeiter zur Abnahme und Auditierung hinsichtlich Qualität und Prozessfähigkeit oder in höher gestellter Funktion als Koordinator beim Lieferanten usw, aber auch in der Forschung und Entwicklung (als nicht Studierter) ggf in Technikums , Instituten oder Herstellern.
      (da ich hier keine Werbung machen möchte, verzichte ich anschauliche Namen)

      zu den 10% = das sind die Mitarbeiter in diversen Unternehmen die Augenscheinlich etwas können und wollen aber nicht mehr als nötig davon jemandem 2 oder 3 vermitteln bzw. teilhaben lassen um die eigene Stellung im Betrieb und vor dem Chef nicht zu gefährden ( Wissen ist Macht) nichts Wissen macht auch nichts...

      *** Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, aber zusammengefasst würde ich behaupten wollen das nur 20% der im Spritzguss tätigen Gewerblichen Angestellten überhaupt in der Lage und in der Position sind, neue Fachkräfte aktiv und gezielt Auszubilden (aufzubauen)


      Strichpunkt Ausbilden/Prüfen:

      Ja ich bin zufällig auch im Prüfungsausschuss als Prüfer Aktiv... da verhält es sich Schlichtung ergreifend so das es ein aus 3 Prüfern paritätisch besetzter Ausschuss sein muss... das ist aber aus verschieden Gründen oft nicht der Fall...

      Der häufigste Grund ist vermutlich der das das Amt des Prüfers ein Ehrenamt ist, das heißt es wird sehr sparsam pauschal vergütet, du musst die Zeit dafür frei schaufeln und wenn’s geht sollst du an so vielen Prüfungen teilnehmen/abnehmen wie nur möglich...

      Das führt auch dazu das (viele) Prüfer zwar aus dem Kunststoff kommen aber eben keine Spritzgießer/Formgeber sind oder eben Lehrer ( was jetzt nicht abwertend klingen soll) aber keinen direkten Bezug zu der hier und jetzt geprüften Praxis/Beruf haben.

      So macht in der Regel einer den Vorreiter und der Rest folgt diesem zu 75%

      Dazu darf einem Auszubildenden nicht der/die Mängel bzw. das Versagen seines Betriebes zum Nachteil ausgelegt werden, schon garnicht wenn er mittels Berichtsheft (Abgezeichnet) nachweisen kann das dieses Wissen ihm nicht oder nichts ausreichend vermittelt worden ist.

      Zu guter letzt ist es auch so das sich viele aber eben auch nicht alle Praktischen Prüfer schon teilweise Jahrzehnte kennen und ich habe noch nie davon gehört das ein Prüfling aus einer Bude von der jemand im Ausschuss sitz durchgefallen wäre, eher gibt es im Ergebnis eine Schüppe drauf


      Fazit: Die Prüfung des Verfahrensmechaniker in Kunststoff & Kautschuk ist so ausgelegt das die Basis und stellenweise (Situativ) darüber hinaus auch mal hier und da etwas mehr abgeklopft wird aber nicht das was sich der ein oder andere Wünschen würde.

      Da wären wir wieder bei den Profis von heute (90/10) die jenigen die es drauf haben bzw werden/könnten sprich die wenigen die heute mit einer glatten 1 in die Realität starten oder sogar zb Bundes Bester werden.... die bleiben doch niemals an der Basis/Front, an der Maschine oder nah dran - da es schlicht und ergreifend zu unattraktiv ist (Finanziell/Rahmenbedingungen) die wenigen geben doch weiter Gas und sehen das Sie schnell und weit kommen.




      *** Meine Erfahrungen sind sicherlich nicht zu verallgemeinern und bilden auch nicht unbedingt die Breite der Branche wieder aber genau so wenig sind Sie ganz von der Hand zu weisen. Aber genau dafür gibt es ja solche Runden und Foren hier ~ Let,s Go !